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Ar­beit­ge­ber-Be­wer­tung on­line: die nack­te Wahr­heit

Auf Bewertungsportalen für Arbeitgeber steht ungeschönt, was Arbeitnehmer von ihrem Job halten. Wer sich hier als Unternehmer findet, bekommt entweder schlechte Laune oder fühlt sich gebauchpinselt. Johannes Prüller vom Portal Kununu weiß, wie hart die Urteile sein können – und was für Chancen sie bergen.

Faktor A: Bewertungsportale können einen Arbeitgeber geradezu entkleiden: miserables Arbeitsklima, schlechte Bezahlung, kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Alles ist dort zu sehen. Nutzen diese Portale eigentlich nur Arbeitnehmern?

Johannes Prüller: Nein, sie nutzen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Es ist nahe liegend, dass sich Menschen so umfassend wie möglich über einen Arbeitgeber informieren wollen, bevor sie sich entscheiden, in ein anderes Unternehmen zu wechseln. Arbeitgebern wiederum bieten die Bewertungen enorme Vorteile, weil sie unter anderem Themen beleuchten, die die Mitarbeiter aktuell beschäftigen. Die Portale bringen Transparenz in die Unternehmensstrukturen: Was bis vor Kurzem einmal pro Jahr in Mitarbeitergesprächen und Umfragen eruiert wurde, ist heute auf Knopfdruck und in Echtzeit verfügbar.

Dann scheint es unerlässlich, sich als Arbeitgeber mit diesen Portalen zu beschäftigen.

Warum auch nicht? Menschen tauschten sich schon immer über Themen aus, und der Beruf ist ein Dauerthema. Über Bewertungsplattformen können Unternehmer heute ganz einfach erfahren, wie ihre Mitarbeiter sie als Arbeitgeber wahrnehmen. Und sie können an der Diskussion teilnehmen. Das gibt ihnen eine recht authentische Plattform, um sich Jobsuchenden als offener, relevanter und attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.

Was mache ich, wenn ich schlecht bewertet wurde?

Ein guter Arbeitgeber muss sich vor kritischen Zeilen nicht fürchten. Ich finde, es lohnt sich, ehrlich zu schauen, ob die Kritik berechtigt ist. Wenn eine Firma ein Problem nicht auf dem Radar hat, das Feedback der Mitarbeiter aber ernst nimmt und gezielt Verbesserungen angeht, profitieren ja beide Seiten. Auf Bewertungen kann man zudem immer mit sachlichen Stellungnahmen reagieren. Das ist in Zeiten sozialer Medien ein viel stärkeres Signal als eine schöne Imagebroschüre. 60 Prozent der Bewertungen sind bei Kununu übrigens positiv.

Johannes Prüller ist Pressesprecher von kununu
© kununu

Johannes Prüller findet, dass Unternehmen vor den Bewertungen bei kununu und Co. keine Angst haben müssen.

Muss die Kritik eines Users immer belegbar sein? Inwieweit ist diese subjektive Kritik überhaupt belegbar?

Bei aller Transparenz und Offenheit gilt: Natürlich sind auch bei der Bewertung eines Arbeitgebers die Gesetze zu beachten. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Arbeitnehmer dürfen sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung berufen und persönliche Aussagen zum Arbeitsverhältnis tätigen, wie zum Beispiel: „Die Arbeit ist für mich Knochenarbeit“ oder: „Ich fühle mich unfair behandelt“. Verboten sind hingegen Schmähkritik oder unwahre Behauptungen: „Die Firma zahlt die Gehälter nie pünktlich aus“ oder: „Mein Chef ist ein Steuerhinterzieher“. Aussagen dieser Art können Ärger einbringen, wenn sie nicht stimmen. Und klar: Der Verfasser dieser Zeilen muss im Ernstfall beweisen können, dass die Aussagen der Wahrheit entsprechen. Wir empfehlen jedem Mitarbeiter, sich bei der Abgabe einer Bewertung nicht nur an Gesetzen, sondern auch an moralischen Richtlinien zu orientieren. Konstruktive Kritik ist immer zielführender. Klare Verbesserungsvorschläge geben dem Arbeitgeber die Chance, Missstände zu beheben.

Sollte ich als Arbeitgeber offensiv mit negativer Kritik im Netz umgehen? Die Mitarbeiter damit konfrontieren?

Unsere Erfahrung zeigt, dass es gar nicht wichtig ist, ob eine Bewertung positiv, neutral oder negativ ausfällt. Entscheidend ist der richtige Umgang damit – und das Signal, dass das Unternehmen Feedback ernst nimmt. Deshalb empfehlen wir Arbeitgebern, Stellung zu nehmen. Jede unbeantwortete Bewertung ist verschenktes Potenzial, mit der Zielgruppe zu interagieren, in einen Dialog zu treten, sich weiterzuentwickeln und eine attraktive, für jeden sichtbare Arbeitgebermarke aufzubauen. Gerade für die nachrückende Generation ist es wichtig zu wissen, wie glaubwürdig mein potenzieller Arbeitgeber ist. Wie geht er mit Kritik um?

Dennoch zeigen diese Portale nur einen Mosaikstein eines Unternehmens.

Klar, aber sie machen jenen Teil transparent, der bis dato schwer zugänglich war. Spannend wird es immer dann, wenn man das Selbstbild eines Unternehmens mit dem Fremdbild vergleicht. Stimmen die Unternehmensinformationen mit den Bewertungen und Erfahrungsberichten der Mitarbeiter überein? Das Zusammenspiel beider Perspektiven ist entscheidend. Nur so entsteht ein authentisches Bild.

Kann der Ruf eines Unternehmens durch einen einzigen frustrierten Mitarbeiter nachhaltig geschädigt werden? Jemand, der zum Beispiel mehrfach (unter verschiedenen Namen) schlecht bewertet?

Ich glaube, das würde wohl den Einfluss unserer Plattform auf die Reputation eines Unternehmens überbewerten. Wir wissen zudem aus der Marktforschung, dass der typische Kununu-User mehrere Bewertungen durchliest, um sich aus der Vielzahl an subjektiven Erfahrungsberichten eine Meinung zu bilden. Nicht authentische Bewertungen werden von Usern schnell als solche erkannt – egal ob sie positiv oder negativ ausfallen. Wir nehmen aber jede Rückmeldung von Arbeitgebern ernst. Bei etwa 1.000 neuen Bewertungen zu 500 Unternehmen pro Tag sind wir für jeden Hinweis dankbar.

Jeder vierte Internetnutzer informiert sich über potenzielle Arbeitgeber im Netz. Wie sieht die Zukunft der Bewertungsportale aus?

Die Arbeitswelt ist kein geschlossenes System mehr, sondern transparenter und durchlässiger geworden. Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Entwicklung nicht umkehren wird. Aufgrund der demografischen Entwicklung und des „War for Talents“ wird es für Unternehmen zunehmend wichtiger, mit den Bewertern in einen Dialog zu treten.

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